Ist Don Quijote eine komische Geschichte? Sancho würde antworten: „Dazu wäre viel zu sagen.“ Und Don Quijote könnte feststellen: „Ich weiß noch nicht, wie sich in dieser unserer jammervollen Zeit das Rittertum bewähren mag?“

Koproduktion mit dem FITZ! Stuttgart und dem Théâtre Octobre Brüssel

Und was wäre, wenn wir, getrieben von der Sehnsucht nach Neuanfang, vom Verlangen, ausgetrampelte Wege zu verlassen und vom Wunsch uns neu zu erfinden, aufbrächen um unbekannte Inseln zu entdecken? Die Ideen und Utopien um eine humanere und gerechtere Gesellschaft zu schaffen, sind mannigfaltig, aber der Hintern auf diesem Stuhl wiegt wie Blei. Und doch, der Wunsch nach Veränderung liegt tief in uns Menschen verwurzelt. Das Ensemble Materialtheater widmet die nächsten Jahre seines künstlerischen Schaffens dem ‘Aufbruch’. Unsere Gesellschaft ist an einem entscheidenden Wendepunkt angekommen – was wird unsere Zukunft prägen, das Prinzip der Solidarität oder das Gesetz des Stärkeren?

Don Quijote ist der 3. Teil des Theaterzyklus „Heimweh nach der Zukunft“, den das Ensemble Materialtheater 2016 mit den Inszenierungen „Der Friedhof“ und „Kino im Kopf“ begonnen hat. Die Stadt Stuttgart und das Land Baden-Württemberg fördern diesen Zyklus mit einer dreijährigen Konzeptionsförderung.

Wenn es um Aufbruch und die Sehnsucht nach Verbesserung geht, darf ‘Don Quijote’ nicht fehlen. Zwei unzeitgemäße, närrische Damen nehmen sich der beiden archetypischen Helden des Romans an, dem Idealisten Don Quijote auf der einen Seite, der seine Halluzinationen und Hirngespinste für die Realität hält und dem populären Pragmatiker Sancho Panza auf der anderen Seite. Wer Cervantes’ Werk gelesen hat, kann kein schlechter Mensch sein, davon sind die Damen überzeugt, aber leider wagt sich ja kaum jemand an das mehr als tausend-seitige Werk. So setzen sie alles daran, ihre traurig-komischen Vorbilder für die Nachwelt zu retten und zerren sie auf die Bühne.

Regie führt unser langjähriges Ensemblemitglied, der Autor und Regisseur Alberto García Sánchez. Er ist ein Meister im Verweben von Geschichten, ein politisch engagierter Querdenker und hat ein feines Gefühl für die menschliche Tragikkomik. Eine seiner Regiearbeiten, „Vy“ wurde 2011 mit dem Molière Théâtre Jeune Public ausgezeichnet.

„Ich wünsche mir ein Theater, das gemeinsam mit dem Zuschauer entsteht, das ihm den Freiraum lässt, mit seiner Vorstellungskraft, seiner Kritikfähigkeit und seinen Träumen selber schöpferisch tätig zu werden.“ Alberto García Sánchez, Regisseur (aus “La Scène provoquée“, L’Harmattan, 2014

Umsetzung für die Bühne: Ganz in der Tradition des epischen Theaters, werden wir ‚Don Quijote’ in einer offenen Spielweise mit Gliederpuppen, Objekten und den Mitteln der Erzählung bearbeiten. Gleichzeitig wollen wir das Geschehen durch Perspektivwechsel, zeitliche und örtliche Sprünge, Kommentare der Erzählerinnen, sowie durch kleine Sonette und Chansons brechen – wie es auch Cervantes in seinem Roman tut. Der Zuschauer ist Komplize, er darf alles durchschauen und soll dennoch immer wieder in die Illusion entführt werden. Die Konfrontation von Puppen mit realen Objekten bietet dabei die Möglichkeit, dass die Puppe in den alltäglichen Gegenständen etwas Verrücktes, Imaginiertes sieht – banale Realität wird zu Phantastischem. In diesem ständigen Wechselspiel zwischen Fiktion und Wirklichkeit, zwischen Wahn und Vernunft, wollen wir die Gegensätze der beiden Protagonisten aneinander reiben, auch mit der Frage, welche Rolle heutzutage Helden spielen. Wo und wer sind sie, diese „verrückten“ Idealisten, die so sehr an die Idee glauben, die Welt verbessern zu können, dass sie sich durch nichts davon abbringen lassen.

Premiere und Uraufführung am 9. November 2017  im Rahmen unseres Festival „30 Jahre Ensemble Materialtheater“ im FITZ!Zentrum für Figurentheater Stuttgart.