Ein bittersüßer Theater-Abend zum Verlieben und Haare-Raufen

Hochgeschätztes Publikum! Wir sind angekommen. Vorbei die Zeiten des aufopfernden, sozialen und mütterlichen Putzwesens. Vorbei auch die Zeiten, in denen wir Frauen uns vorschreiben lassen mussten, wann wir Lust haben, welche Karriere wir machen und wie wir alt werden sollen. Der Kampf ist vorüber. Emanzipation war gestern. Selbstbewusst stöckeln wir auf High-Heels durch die Welt, um all den männlichen Alphatieren da draußen kühn die Stirn zu bieten. Doch warum knicken wir dann immer wieder mit den Beinen ein? Und woher kommt nur dieses mädchenhafte Lispeln, dieses schamvolle Erröten? Herzlich willkommen zu einem bitter-süßen Theaterabend voll absurder Geschichten und Lieder, voll wahrer Lügen und erlogener Wahrheiten, Ungereimtheiten und Widersprüche. Werfen Sie einen Blick in die Welt der Frauen. Lernen Sie schönheits- und wahrheitssüchtige Frauen kennen, verrückte, wilde oder weise, hysterische Furien, gefährliche Frauen oder Frauen in Gefahr. Allen gemeinsam ist, dass sie sich mit ihren kleinen oder größeren Lebenslügen arrangiert haben, die ihnen tröstende und verlässliche Begleiter sind. Ja, Lügen können gute Freunde sein, die zwar nicht aufrichtig, aber immer da sind, wenn man sie braucht. Schwer ist nur, sie wieder los zu werden.

Trailer “Frauen lügen aus ihrem Leben”: http://www.youtube.com/watch?v=7eAvIupmob0

Presse

Esslinger Zeitung: “Alles eine Frage der Perspektive “Was haben Frauen im Kopf? Schuhe natürlich. Manche bekommen die Treter auch an den Schädel geworfen. Die Klientin erzählt ihrer Therapeutin von dem Vorfall. Für die Behandlung steht die Liege an der Wand, Annette Scheibler „liegt” daran angelehnt, während Sigrun Kilger als Psychologin sich daneben im gekippten Sessel am Boden befindet und die Beine in die Luft streckt. In der Welt der Frauen ist eben alles eine Frage des Blickwinkels, wie das Stuttgarter Ensemble Materialtheater mit einer witzigironischen Revue unter dem Titel „Frauen lügen aus ihrem Leben -oder wie ich lernte, meine Runzeln zu lieben” zeigt. Anders als Männer beginnen Frauen bereits in der Lebensmitte mit der persönlichen Retrospektive. Männer wechseln in den Wechseljahren die Frauen, Frauen die Perspektive. Muss man das Leben immer aus der Missionarsstellung betrachten? Zumindest das Schaf Rosa denkt darüber nach, als es Wolfgang wieder trifft, den menschlichen Gatten. Es gab Zeiten, da war Rosa eine Frau, stand am Herd mit der Uhr in der Hand und wartete auf die Heimkehr des hungrigen Mannes. Jetzt frisst sie Gras und verschlingt gierig Frauenzeitschriften, bis sie aufwacht und entdeckt, dass das schöne Schafsleben nur ein Traum war. Die Figurenspielerinnen Annette Scheibler und Sigrun Kilger haben gemeinsam mit der Sängerin Sandra Hartmann schön-schräge Episoden mit ernstem Hintergrund rund um das Frauendasein gestrickt. Dabei geht es um die verpasste Kinderchance zugunsten der Karriere, um Eigenständigkeit, Macht, den Uterus und das merkwürdige Verhalten gegenüber männlichen Vorgesetzten. Klischees werden temperamentvoll auf die Bühne im Fitz gezerrt und mit zarten Füßen in High Heels breitgetreten. Die Emanzipation wird als bequeme Lüge im Pseudokampf um Gleichstellung entlarvt. Eine gehäkelte Klappmaulpuppe hält eine flammende feministische Rede, während im nächsten Moment die drei Darstellerinnen wie Amphibien zwischen Kosmetikprodukten über den Boden kriechen und den Selbstbestimmungsvortrag ad absurdum führen. Bei aller Emanzipation unterliegt man doch dem Schönheitswahn – und ist nicht eine Frau ohne Kind nur eine halbe Frau? Und wer macht den Stich im Erinnerungsbildchen-Quartett: die beim Onkel auf dem Schoß oder die mit Mann und Liebhaber? Nicht geborene Kinder spuken ewig in Frauenköpfen herum und nehmen sogar als Pappfiguren Gestalt an. Wie segensreich, wenn man sich im Restaurant eine kleine Portion Optimismus mit etwas Würde als Beilage bestellen kann, auch wenn die von gestern ist. Radikalität ist aus. Und wenn vorhanden, gibt’s die in der Frauenkneipe nur tiefgefroren. Über die Hysterie können Kilger, Hartmann und Scheibler ein Lied singen, in den schrillsten Tönen und bis zur Schmerzgrenze „Der Uterus auf Wanderschaft” heißt der hitverdächtige Song (Musik und Komposition von Daniel Kartmann und Oliver Prechtl). Er ist dem Philosophen Platon gewidmet, der Frauenleiden auf den Umstand zurückführte, dass die Gebärmutter ein Tier sei, das glühend nach Kindern verlange. Mit Puppen, Liedern, mit possierlichen Tanzeinlagen und viel Salonmusik werden die skurrilen Geschichten um Doppelbelastung, Dienstbarkeit und „revolutionäre Zellen” sehenswert bestückt. Rührend sind die beiden Alten, die an einer Bushaltestelle warten, bis sie feststellen: „Der Bus sind wir”. Eigentlich kann man selbst bestimmen, wann er abfährt und sich die Zeit mit dem Naschen von Trockenfrüchten versüßen. Das Alter hat auch Vorteile: Die Damen müssen nicht mehr spritzig sein. Jetzt dürfen so viele Dörrfeigen gefuttert werden, wie in den trockenen Schnabel passen. Immer wieder gab es Szenenapplaus, auch für brillante Regieeinfälle von Alberto Garcia Sánchez. Schöner lügen lässt sich’s kaum.”

Stuttgarter Zeitung: „Die neue Produktion des Ensemble Materialtheater hat sich das Thema Frauen vorgenommen und klappert sämtliche Klischees ab – vom Schuhfetischismus bis zur Hysterie, von der Schminke bis zur Handarbeit. Der Abend, den Alberto García Sánchez inszeniert hat, ist Theater und Kabarett zugleich. Eine muntere Szenenfolge, bei der Annette Scheibler, Sigrun Kilger und Sandra Hartmann mal dreistimmig singen, mal kleine Szenen spielen oder mit Puppen arbeiten – immer aus ungewohnter Perspektive. Da steht plötzlich das Kind vor der Tür, das die Frau nicht haben wollte. „Ich bin in deinem Kopf“ erklärt die die kleine Puppe und treibt ihr Unwesen. Oder diese böse Szene zwischen Blondine und Held: je verrückter die Ideen, desto besser sind die drei und dreschen Skat mit Erinnerungsfotos – wer macht den Stich? Oder sie sitzen im Restaurant und bestellen von der Karte einmal „Wenigstens sprechen wir noch darüber“ mit einer Portion „Würde“ und „Ich gebe nicht auf“. Sie singen „Da machte sich der Uterus auf Wanderschaft“ – und klettern die Tonleiter immer höher und höher. Sie demontieren Märchen, erinnern en passant an Gewalt gegen Frauen und sind sehr selbstironisch. Denn auch wenn es hier vereinzelt Seitenhiebe auf die Männer geben mag, so geht dieser kurzweilige wie originelle Theaterabend vor allem mit den eigenen Geschlechtsgenossinnen ins Gericht. In einer der besonders bösen Szenen spielt Sigrun Kilger ein Schaf – oder ist sie doch eine liebende Ehefrau?“

Ludwigsburger Kreiszeitung: „Witzig und doch auch ernst präsentieren die drei ein Feuerwerk rund um das Thema Frau – inhaltlich vielschichtig, im Ton variabel, in der Darstellung abwechslungsreich. Unter der Regie des ewigen Schelms Alberto García Sánchez ist ein Abend entstanden, der das Können der drei Heldinnen der Stuttgarter Figurentheaterszene bestens hervorhebt und mit einem unterhaltsamen Stück die geweckte Neugier bestens befriedigt.“

Stuttgarter Nachrichten: „Lassen sich Lebenslügen von Frauen noch kurzweiliger zusammenfassen? – Das Stuttgarter Ensemble Materialtheater steigert von Produktion zu Produktion sein Feuerwerk an außergewöhnlichen Spielideen und geht weiter in Sachen abgründigen Humors. Die aktuelle Produktion „Frauen lügen aus ihrem Leben – oder wie ich lernte meine Runzeln zu lieben“ ist in der Inszenierung von Alberto García Sánchez ein herausragendes Beispiel dafür, was die von der Stadt Stuttgart vergebene Konzeptionsförderung bewirken kann, wenn sie eine längerfristige Zusammenarbeit zwischen Künstlern ermöglicht.“

Mannheimer Morgen, 26.01.2015 Imaginale: Die Frage der Perspektive Oszillierten gekonnt zwischen Frauenkabarett und Puppenspiel. Beim Lied vom Uterus, der sich auf die Wanderschaft zum Gehirn der Frau begibt und dafür sorgt, dass sie in hysterisches Gekreische ausbricht, ist das Publikum hin und weg. Doch es ist nur einer der Gesänge und Geschichten zwischen Wahrheiten, Widersprüchen, surrealen Begebenheiten und Flunkereien, die an diesem Abend die Menschen in der ausverkauften Alten Feuerwache begeistern. Mit der Produktion “Frauen lügen aus ihrem Leben” stellt das Ensemble Materialtheater Stuttgart beim Festival der Figurentheater die Welt der Frauen auf den Kopf: “Wir sind überzeugt, dass wir heute eine andere Perspektive finden werden. Die Klischee-Kugel  Denn alles ist eine Frage der Sicht”, versprechen Sandra Hartmann, Sigrun Kilger und Annette Scheibler gleich zu Beginn und werfen alle Vorurteile und gängigen Klischees, die es über Frauen gibt, symbolisch auf einen Haufen, pressen sie zu einer Kugel und lassen diese verschwinden. Zu den Klischees gehört auch die antike Vorstellung, so doziert es ein alter Professor als Handpuppe, dass man nach dem Philosophen Platon davon ausging, die Ursache der Hysterie liege in der Gebärmutter, die, wenn sie nicht regelmäßig mit Samen gefüttert werde, “im Körper suchend umherschweife und sich am Gehirn festbeiße.” Also kreischen die Drei in den höchsten Tönen, sirenengleich, bis sich “der Uterus beruhigt, seinen Platz findet und das Hirn gelöst ist.” Der einzige Verdruss, der die Weibsbilder plagt ist, dass sie ihre Stimmen so sehr geschunden haben. In der etwa 100 Minuten langen Spielzeit ohne Pause zeigen die Energiebündel Hartmann, Kilger und Scheibler in den teilweise schrägen und abstrusen Szenen doch viel Tiefgang. Da steht plötzlich die Figur eines Kindes, das die Frau nicht haben wollte, vor der Tür und bittet um Einlass. “Bin ich vielleicht in deinem Kopf, weil die Leute sagen, eine Frau ohne Kind ist nur eine halbe Frau?”, fragt es und trifft damit den wunden Punkt. Nicht mehr ihre zugedachte Rolle spielen will Rapunzel, die sich weigert, den Prinzen an ihrem Haar den Turm erklimmen zu lassen. “Wir Frauen”, sagt sie, “sind doch immer die Bösen oder die Opfer.”Abstruse Szenen mit Tiefgang  Immer wieder ist es die sanfte Kritik an den Geschlechtsgenossinnen, verbunden mit der versteckten Aufforderung, doch das Leben selbst in die Hand zu nehmen. Etwa, als ein Schaf erkennt, dass es im früheren Leben eine liebende Ehefrau war, voll Sehnsucht den ehemaligen Mann aufsucht und sie beide nach dem Wiedererkennen weiter leben wie zuvor. Oder ist das alles nur ein Traum gewesen? Das bleibt letztendlich offen.

Heilbonner Stimme: Was man aus Wolle nicht alles machen kann – von Leonore Welzin

„Das Trio Sandra Hartmann, Sigrun Kilger und Annette Scheibler wollte Kabarett machen, aber nicht den Mainstream bedienen. Es sollten Frauenthemen sein, aber ohne blöde Witze über Männer. Wir wollten dreistimmig singen, etwas Leichtfüßiges machen, aber nicht auf Tiefgang verzichten. Klingt interessant und geht manchmal spielerisch einfach: Zwei Damen sitzen im Café. „Eine kleine Portion Optimismus“ bestellt die eine. Als Sauce Würde oder Beharrlichkeit? Die Würde sei zwar von gestern, das Verfallsdatum aber noch nicht überschritten. „also bitte mit Würde“. Die andere hätte gern „Eine Portion radikale Umwälzung“, es sei zwar nicht die Saison, aber doch auf der Karte. „Ja, aber nur tief gefroren, da ist es mit der Radikalität vorbei!“ Dann halt „Wenigstens sprechen wir noch darüber“ mit „ ich gebe nicht auf!“- Sauce. Nicht aufgeben heißt die Devise des Stuttgarter Materialtheaters seit 1985. Mittlerweile ist es eine erste Adresse der Kleinkunst-Szene. Kilger ist Gründungsmitglied, Scheibler kam vier Jahre später dazu, für Hartmann ist es die dritte Zusammenarbeit. Hingerissen An zwei Abenden gastierte das Ensemble Materialtheater im Alten Theater Sontheim. Das Publikum ist hingerissen von zartem Trash, politisch-philosophischen Subtext und der traumwandlerisch sicheren Art, Themen auf den Punkt zu bringen. Es lacht, macht Einwürfe und gibt Szenenapplaus. „Mein Traum war es, sein Traum zu sein“, sagt ein zur Frau mutiertes Schaf. Oder anders herum, eine zum Schaf mutierte Frau? Er jedenfalls hat sie in der Missionarsstellung genommen, „das was so Mäh!“, erzählt sie. Zum Einschlafen habe sie dann Schäfer gezählt. Kilger sinniert in einem surrealen Monolog als Schaf rosa über den schlechten Geschmack von Gras und was man so alles aus Wolle machen kann. Nicht nur Strickvorhang, Häkelmützen und –pullis sind aus Wolle, auch der Häkel-Song, der nach „Sexbomb“ klingt, ist selbst gemacht. Ebenso die Puppen. In unterschiedlichsten Formaten tauchen sie auf. Unter die Haut Begegnungen mit Märchenfiguren und Puppen wie der billigen Pflegekraft, der großen Leidtragenden oder dem unerwünschten Kind gehen unter die Haut. Eine Instanz dieser Puppenfamilie ist Susanne von Datteln. Sie kennt Plato, weiß was in der Welt passiert und ist dabei, sich ein eigenes Kind zu häkeln. Noch nicht ganz fertig, möchte die Kleine auch gerne häkeln. Nein, keine Topflappen, sondern eine Kalaschnikow. „Endlich mal was Neues!“, sagt Karin Eckstein nach der Vorstellung. Die Bandoneon-Spielerin ist begeistert: „Das Intelligenteste, Witzigste, Authentischste, Eigenständigste, was ich gesehen habe.“

Die Inszenierung entstand in Koproduktion mit dem Théâtre Octobre Brüssel, dem FITZ! Zentrum für Figurentheater Stuttgart und wurde durch die Konzeptionsförderung der Stadt Stuttgart und des Landes Baden-Württemberg ermöglicht.